Der Weg Europas

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Von Robert Rethfeld

Robert RethfeldAuch wenn sich die Geschichte nicht wiederholt, so existieren doch einige historische Gesetzmäßigkeiten, die bestimmte Handlungsmuster offenbaren. So fließt das Kapital stets dahin, wo innerhalb eines sicheren Umfeldes Geld vermehrt werden kann.

Eine weitere historische Wahrheit besteht darin, dass Hochkulturen im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte von kleineren Einheiten zu größeren Einheiten zusammen-wachsen. Ganz am Ende des Prozesses zerfällt die große Einheit aufgrund innerer und äußerer Einflüsse. Das war bei den Römern so, genauso wie bei den Griechen oder vorher im Falle der Babylonier. Nur die Ägypter verfügen über eine einigermaßen kontinuierliche Entwicklungsgeschichte, aber auch hier kam es zu wellenartigen “Aufs” und “Abs” inklusive langjährigen Fremdherrschaften.

Europa war schon immer eine der unruhigsten, aber gleichzeitig kreativsten Zonen der Welt. Die wechselnden Führungsansprüche (Griechen, Römer, Franken, Iberer, Habsburger, Holländer, Briten, Franzosen, Deutsche, Russen, sogar Schweden im 30jährigen Krieg) zu Land und zur See haben auf unserem Kontinent stets zu Friktionen, aber auch zum technischen Fortschritt geführt.

Als das römische Reich entstand und sich ausdehnte, war es ähnlich. Es gab zwar eine Fremdherrschaft, aber die Völker an sich existieren weiter und entwickelten sich weiter. Die Römer wussten ihre “Provinzen” lange Zeit durch die Devise “Divide et impera” (Teile und herrsche) in Schach zu halten.

Die Europäische Union ist aufgrund freiwilliger Vereinbarungen entstanden. Ohne den Schrecken des 2. Weltkriegs wäre eine solche Einigung wohl nicht angefasst worden. Aus der Vergangenheit ist mir kein Fall bekannt, wo sich Völker freiwillig zusammen schließen und ohne Zwang wichtige Kompetenzen an eine höhere Instanz abgeben.

Wenn die Entwicklung hin von kleineren zu größeren Einheiten in Hochkulturen eine natürliche ist (und das scheint so zu sein), dann muss man sich fragen, wer der Kern oder die treibende Kraft hinter der europäischen Einigung ist. Im römischen Reich war es Rom, im späten antiken Griechenland waren es die Mazedonier unter Alexander dem Großen.

Es ist zwar müßig, aber doch interessant zu betrachten, wie die Entwicklung von kleinen zu großen Einheiten in Europa ohne einen zweiten Weltkrieg ausgesehen hätte. Deutschland hätte – aufgrund seiner Lage, seiner Größe und seiner Wirtschaftskraft – eine dominierende Rolle eingenommen. Frankreich wäre die Nr. 2 auf dem Kontinent geworden und geblieben, hätte aber immer wieder gegen Deutschland “gestichelt”. Eine solche Entwicklung wäre auch ohne den 2. Weltkrieg wahrscheinlich gewesen.

Wenn man heute Griechen, Iren, Portugiesen oder Spanier fragt, wer in Europa das Sagen hat, so wird der Name Angela Merkel am häufigsten genannt. In diesen Ländern hat man zunehmend das Gefühl, ein Vasallenstaat Deutschlands zu sein. Die Bemerkung, Deutschland habe die Ziele des zweiten Weltkriegs 60 Jahre später auf Umwegen erreicht, fällt häufiger. Der Entzug der Souveränität bringt die Menschen in Griechenland, Portugal oder Spanien auf die Straße. Genauso wie der Wunsch Deutschlands, “deutsche Maßstäbe” an das Verhalten der genannten Staaten anlegen zu wollen.

Ist Berlin das frühere Rom? Wie dauerhaft sind die Abhängigkeiten? Sicher ist, dass der Entzug der Souveränität Wunden hinterlässt, die dazu führen, dass sich der Unwille im Volk steigert. Hat Berlin seine Rolle bewusst forciert, als es die Agenda 2010 ins Leben rief? Nein. Es ist doch eher so, dass Berlin in die Führungsrolle gedrängt wurde. Einen politischen Herrschaftsanspruch über Europa kann man Deutschland nicht nachsagen. Die Deutschen sind viel zu sehr mit sich und ihrer Atomkraft beschäftigt. Deutschland ist “grünifiziert” und pazifistisch. Und die Wehrpflicht wurde jüngst abgeschafft.

Genauso wie die Stadt, in der ich lebe (Oberursel) die benachbarte, aber hoch verschuldete Gemeinde namens Steinbach nicht einmal mit den Fingerspitzen anfassen würde, so würde kein Deutscher auf die Idee kommen, Griechenland übernehmen zu wollen. Insbesondere nicht nach den Erfahrungen, die finanziell bei der Integration der DDR in die Bundesrepublik gemacht worden sind. Eine Transferunion will niemand.

Bei den Römern war es übrigens umgekehrt. Die zogen Geld “(Tribut)” aus ihren Provinzen heraus.

Die Deutschen wollen den Führungsanspruch nicht, aber er drängt sich ihnen auf. Merkel will nicht, aber sie muss. Der “historische Zwang” des Weges von kleineren zu größeren Einheiten ist offenbar so stark, dass sich auch eine Bundeskanzlerin nicht dagegen wehren kann.

Wie also dürfte – wenn die historische Entwicklung unvermeidbar erscheint – der Weg Europas aussehen? Es ist nicht wahrscheinlich, dass ein Staat, der einen anderen Staat finanziell unterstützt, das Kapital ohne Gegenleistung transferiert. Die Gegenleistung für die gewaltigen Summen, die von West- nach Ostdeutschland flossen und noch fließen, war die Aufgabe der Souveränität der DDR.

Wahrscheinlich ist eine andere Entwicklung. Trichet hat sie mit dem Vorschlag eines europäischen Finanzministeriums vorgezeichnet. Griechenland, Portugal und Irland dürften einen Großteil ihrer Souveränität auf Dauer verloren haben. Spanien und Italien dürften bald folgen. Die Souveränität fließt nicht nach Berlin, sondern nach Brüssel ab. Das ist der Unterschied zu antiken Rom oder Athen. Brüssel ist der befriedete Punkt, die freiwillig aus der Taufe gehobene Hauptstadt der europäischen Union. Dies ist ganz im Sinne Merkels. Wer in Brüssel regiert, ist eine andere Frage. Hier kommen die Franzosen ins Spiel, die einen politischen Führungsanspruch in der EU besitzen. Und so kommt es, dass die Rolle der “Führungsmacht” kleiner ist, als sie es in früheren Hochkulturen war. Aber sie ist nicht null, sie ist auch nicht gering, sie ist nur kleiner als üblich.

Also wird Brüssel zunehmend mehr Souveränität über Europa gewinnen. Auch über Deutschland, denn Deutschland lässt dies zu. Die Führung eines Staatengebildes erfordert eine gemeinsame Währung. Diese ist entwicklungshistorisch zu früh eingeführt worden. Aber über kurz oder lang wäre es – aufgrund der Dynamik zu größeren Einheiten – sowieso dazu gekommen.

Wie bereits im Buch Weltsichten – Weitsichten (Erscheinungsjahr 2004) beschrieben, bedeutet der “Universalstaat” üblicherweise die letzte Stufe vor dem Zerfall einer Hochkultur. Ein Universalstaat existiert üblicherweise mehrere hundert Jahre. Die Finanzkrise scheint als Beschleuniger hin zum Universalstaat zu wirken.

Die Regierungsform eines Universalstaates ist “elitär”. Die Demokratie funktioniert in Brüssel nicht, sie hat nie funktioniert. Europa ist viel zu groß. Noch sind es die Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten, die die wichtigen Entscheidungen treffen. Aber mehr und mehr wird die Brüsseler Bürokratie Vorschläge erarbeiten. Die schon jetzt vorhandenen molochartigen Strukturen in Brüssel werden sich weiter verfestigen, je mehr Aufgaben nach Brüssel übertragen werden. Und langsam aber sicher werden sich in Brüssel Positionen und Personen herausbilden, die de facto die europäischen Regierungen führen werden. Der Euro ist die Grundlage einer solchen Konstruktion. Deshalb bleibt er. Auch die Einführung von Eurobonds wäre eine logische Folge dieser Entwicklung.

Das Leben unter der Ägide einer stärker werdenden Brüsseler Elite wird eine demokratische Mitbestimmung mehr und mehr vermissen lassen. Aber ob der Verlust der aktuellen Art der Demokratie tatsächlich betrauert werden wird, kann man getrost bezweifeln.

Irgendwann – nach historischem Vorbild wohl erst in einigen hundert Jahren – wird der Zerfall Europas einsetzen, so wie das römische Reich einige Jahrhunderte nach Augustus zerfiel. Bis dahin dürfte sich das politische Leben auf die europäische Ebene einerseits und auf die kommunale Ebene andererseits konzentrieren. Die Zwischenebenen Bund und Land dürften an Bedeutung verlieren.

(Source)

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I am interested in Gold, Silver, Energy, Geopolitics, Economics, Religion, Demography, History, Complex systems, Critical theory, Antipositivism, Sociology of knowledge and Chaos theory.
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